29. Januar 2007
Konzentration auf Kernaufgaben
EKHN-Kirchenpräsident Steinacker, seine Stellvertreterin Cordelia Kopsch und Propst Rink würdigen Zukunfts-Initiative
![]() |
||
| Quelle: Töpelmann Vergrösserung Propst Rink (rechts) und der Geschäftsführer des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim, Alexander Gemeinhardt (links) aus der EKHN beim Zukunftskongress |
Bischof Dr. Wolfgang Huber kann aufatmen. Der Kirchenkongress in der Lutherstadt Wittenberg ist erstaunlich zukunftsorientiert zu Ende gegangen. Die 15 Mitglieder des Rates der EKD, die das Papier „Kirche der Freiheit“ verantworten, haben Bestätigung für den Reformkurs erhalten. Der Ratsvorsitzende Huber sagte zum Abschluss: „Unsere gemeinsamen Bemühungen um die Reform unserer Kirche verbinden unser Tun, – jetzt sind wir Kirche im Aufbruch.“
Im Aufbruch waren die über 300 Delegierten aus den 23 Landeskirchen tatsächlich. Denn sie mussten in 12 Foren mit Prioritäten der kirchlichen Arbeit und Struktur beschäftigen: Wie können die Begegnungsorte, besonders die Kirchen, geistlich stärker wirken? Wie kann die Mitgliederorientierung verbessert werden? Welche Rolle soll künftig der Schlüsselberuf Pfarrer spielen und wie fördert man das Engagement der Laien? Wie kann Föderalismus zwischen den Kirchen wachsen?
![]() |
||
| Quelle: Töpelmann Vergrösserung Empfang für die Teilnehmer des Zukunftskongresses mit dem Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble als Gast |
Die Bischöfe, Kirchenpräsidenten und Präsides machten es sich mit Antworten nicht leicht. Huber brachte den Vorschlag ein, vorerst das 500. Reformationsjubiläum 2017 in Blick zu nehmen und bis dahin in weiteren „Zukunftswerkstätten“ zu arbeiten, beispielsweise in Barmen bei Wuppertal, wo die grundlegende „Barmer Theologische Erklärung“ 1934 entstand, einem urprotestantischen Ort wie Wittenberg. Wenn es nach dem Ratsvorsitzenden geht, sollte ein solches Treffen bereits 2008 stattfinden.
Wie eine evangeliumsgemäße Gestalt der Kirche im 21. Jahrhundert zu finden sei, zu finden sei war während der klimatisch recht kalten Tage in Wittenberg durchaus umstritten. Es geht vor allem, um die Frage, welche Gestalt die christlichen Gemeinden künftig haben sollen. Ihre an einem Dorf oder Stadtteil orientierte Struktur, gilt manchen Kirchenverantwortlichen nicht mehr als zeitgemäß. Die Sozialräume haben sich verändert. und- wie Huber anmerkte – die parochial verfasste Ortsgemeinde war nicht zu allen Zeiten der Christenheit bestimmend.
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat wie andere Landeskirchen hier schon Fortentwicklungen eingeleitet. Mit so genannten Profilgemeinden will man auf Menschen zugehen, die einer Ortsgemeinde nicht nahestehen, aber dennoch einen Bezug zu ihrer Kirche über ein Thema oder eine Gruppe Gleichgesinnter suchen. Die Stellvertreterin des Kirchenpräsidenten, Cordelia Kopsch, Teilnehmerin des Kongresses, meinte, für die EKHN habe der Aufbruch von Wittenberg längst begonnen. In einem eigenen „Perspektivpapier 2025“ zeichne sich die landeskirchliche Planung ab: Lokale und regionale Strukturen müssten aufeinander bezogen werden, übergemeindliche und gemeindliche Arbeit sich ergänzen. Das bedeute größere Gemeindeverbünde und Arbeitsteilung auf allen Ebenen. Die EKHN habe mit Strukturen der „mittleren Ebene“ (wie in Wiesbaden) erste Schritte getan. Mehr müsse man aber dafür sorgen, dass die Erwartungen an die Mitarbeiter klar seien, und sie sich als Vertreter der Kirche empfinden. „Die Mitarbeitenden müssen sagen können, warum sie evangelisch sind und für ihre Kirche arbeiten. Kopsch lobte die positive Grundstimmung auf der Wittenberger Versammlung. Ernsthafte Kritik an dem Signal des Aufbruchs sei nicht mehr gekommen. „Es ist deutlich, dass die Landeskirchen sich nun an die Arbeit machen.“ Das hatte auch Huber gefordert, der sagte, es gelte sich auf einige wenige Pilotprojekte zu verständigen, die den „Glauben wecken und stärken“.
Der Propst für Süd-Nassau, Dr. Sigurd Rink, sieht künftige Umsetzungen ebenso bei den Landeskirchen. Die EKD habe koordinierende und Richtungsweisende Funktion. Bevor man Zusammenlegungen von Landeskirchen angehe, gilt es die Möglichkeiten von Zusammenarbeit besser auszunutzen: bei den Akademien, den diakonischen Werken und den Arbeitszentren der Kirchen. Ein funktionierender kirchlicher Föderalismus werde die EKD stärken, meint Rink. Vor allem liegt dem Propst aber an einer Stärkung der Bildung in der Kirche. Kultur, Kirchenmusik und Bildungsbemühungen müssten einen höheren Stellenwert erlangen. Dass ihm hier die Evangelische Akademie Arnoldshain besonders wichtig erscheint, ist kein Wunder, denn Rink ist in beiden Konventen ihr Vorsitzender. Tatsächlich hat sich die innerkirchliche Wahrnehmung des akademischen Publikums und der Eliten in verändert. Die Kirche sieht das nicht mehr so ideologisch gefärbt wie früher.
Bei allen Veränderungen machten, so Bischof Huber, der Kirche Nomenklaturen zu schaffen. Ehrenamtlich engagierte Mitchristen hätten darauf aufmerksam gemacht, dass es sich die Kirche mit den unterschiedlichen Benennungen der Leitungsämter schwer mache. Huber meinte damit Bezeichnungen wie Kirchenpräsident, Präses, Propst oder Bischof, die aus Traditionsgründen in den Landeskirchen sehr unterschiedlich gebraucht werden. Eine Kleinigkeit vielleicht, die aber öffentlich für Verwirrung sorgen kann.
Ganz optimistisch sieht der Präses der EKHN-Kirchensynode, Professor Dr. Karl Heinrich Schäfer, die Debatte. Der Wiesbadener ist selbst kein Hauptamtlicher, sondern ein Laie, der eines der hohen Ämter in der Landeskirche bekleidet. Der Jurist sieht die EKHN auf einem positiven Weg. Nicht allein wegen zurückgehender Finanzen müsse die Kirche sich ändern, sondern wegen ihres missionarischen Anliegens. In einigen Punkten sei seine Landeskirche dabei den Überlegungen der EKD bereits voraus, denn herausragende geistliche Begegnungsorte, über die in einem von ihm geleiteten Forum gesprochen wurde, gab es schon immer. „Ich sehe uns auf einem guten Weg“, meinte Schäfer.
Dass die Kirche die eigene Tradition ihrer Bauten, aber auch die deutsche Geschichte, nicht hintanstellen möchte, dafür trat Huber vehement ein: Der Kongress werde am Gedenktag des Holocaust (am 27. Januar) beendet. Es sei eine Pflicht der Kirche, für die gleiche Würde jedes Menschen einzutreten und allen Diskriminierungen mit Nachdruck zu widerstehen, mahnte der Bischof, der am Ende einen gelösten Eindruck machte.
EKHN-Kirchenpräsident Steinacker, seine Stellvertreterin Cordelia Kopsch und Propst Rink würdigen EKD-Initiative
Die kleine Lutherstadt Wittenberg wurde vom Sturm „Kyrill“ arg zerzaust. Die 300 Kirchendelegierten konnten wegen des nach einem orthodoxen Bischof genannten Sturmtiefs nicht in der traditionsreichen Schlosskirche, in der Reformator Martin Luther über 2000 Mal gepredigt hat, Gottesdienst feiern: „Kyrill“ hatte eine Turmspitze und Balken ins Kirchendach geschlagen. Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ist Wind im Gesicht aber gewohnt. Beim Zukunftskongress „Kirche der Freiheit“, der am vergangenen Donnerstag begann, war die Stimmung hervorragend. Eine Mischung aus Mut und Besonnenheit. Der Ratsvorsitzende der EKD, Bischof Dr. Wolfgang Huber, sagte vor Pressevertretern, es gelte zu klären, was im 21. Jahrhundert bedeute, evangelisch zu sein. Der Aufbruch der Kirche geschehe durchaus spirituell und mache sich am Gottesdienst und an geistlicher Erneuerung fest. Die Beschäftigung mit den Kernkompetenzen der Kirche sei kein Abwenden von der gesellschaftlichen Verantwortung. Es komme auf die „Erkenntnis“ von Schwerpunkten an.
Die EKD hatte im Sommer 2006 ein „Impulspapier“ „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ publiziert, in dem nach einer selbstkritischen Analyse, zwölf „Leuchtfeuer“ Zukunftsvisionen für die Kirche beschreiben: Dass die Zahl der Kirchenmitglieder entgegen dem Trend wachsen möge und mit sogenannten „Profilgemeinden“ Jugendliche oder andere Zielgruppen besser angesprochen werden können. Der klassischen Ortsgemeinde würden also milieuorientierte Gemeinden für bestimmte Alters- oder Interessengruppen zu Seite gestellt.
Am ersten Abend der Tagung lieferte Huber dann in der Stadtkirche St. Marien seinen mit Spannung erwarteten Vortrag „Evangelisch im 21. Jahrhundert“ ab. In präzisen Formulierungen beschrieb der Bischof Freiheit als ein Grundanliegen des Protestantismus. „Die „ewigliche Freiheit“ eines Christenmenschen werde durch Gott und seine Wahrheit verbürgt, nicht durch „unsere Fähigkeiten, Finanzen und Freunde. Die Kernkompetenz der Kirche, so Huber, liege im gottesdienstlichen Handeln und im geistlichen Leben. „Der christliche Glaube, das Zeugnis der Freiheit, lässt sich nicht in die Mauern der Kirche einsperren“, verdeutlichte er sodann im Blick auf ein öffentliche Christentum. Heute müsse die Kirche wieder missionarisch ausgerichtet werden, und die einzelnen Christen müssten im Alltag auskunftsfähig sein. Gegen innerkirchliche Kritik an dem Papier gerichtet, sagte der Ratsvorsitzende dann, die Kirche müsse den „Sorgengeist“ hinter sich lassen und mehr der Zukunft das Wort geben. Ganz in dieser Absicht hatten die Veranstalter dafür gesorgt, dass mehr von Hoffnungen, als von Sorgen die Rede war. Ein junger Mann hatte zu Beginn den Wunsch an die Versammelten gerichtet, dass seine Kirche eine Institution der „Vielfalt“ bleibe. Er wolle, „dass wir nicht an unsere eigenen Besitzstände denken“.
Im Fortgang des Kongresses debattierten die Delegierten aus den 23 Landeskirchen das EKD-Impulspapier. Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Professor Dr. Peter Steinacker lobte auf Nachfrage die Debatte der zahlreichen in der Kirche ehrenamtlich Tätigen. „Das ist evangelisches Profil“, urteilte der erste Kirchenmann der EKHN. Wesentlich sind für Steinacker Bildungsfragen. Für die Pfarrerschaft müssten Qualitätsmerkmale gelten, aber gleichzeitig solle die Wertschätzung für die Arbeit der Pfarrer nicht nachlassen. „Wir brauchen eine klassisch gebildete Pfarrerschaft, meinte Steinacker. Konkret werde derzeit über die Zusammenarbeit der beiden evangelischen Akademien in Hessen in Arnoldshain/Taunus und Hofgeismar nachgedacht. Die EKHN sei bei der Verlagerung von Entscheidungen auf die „mittlere Ebene“ der kirchlichen Regionen bereits sehr erfolgreich und damit ein Vorreiter. Kritisch sehe er, wenn das Papier einen höheren Gottesdienstbesuch von 10 Prozent der Evangelischen fordere. Das sei wahrscheinlich sehr anspruchsvoll.
Propst Dr. Sigurd Rink sagte, die Rede von Wolfgang Huber sei eine große programmatische Rede gewesen. Die Landeskirchen, auch die EKHN, müsse nun an der Vision arbeiten. Wenn das Papier einen höheren Gottesdienstbesuch fordere, dann könne das nur in anderen Gottesdienstformen und der Stärkung von vorhandnen kirchlichen Orten liegen. Für sehr wichtig hält der Rink, der Propst für Süd-Nassau, die Aus- und Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer. Ziel müsse deren höhere Ausstrahlung sein. Lernen muss in der Kirche als ein „Life long Learing“ (lebenslanges Lernen) verstanden werden. Deshalb plane die hessen-nassauische Kirche 5% der Haushaltsausgaben dafür aufzuwenden, etwa doppelt so viel wie bisher. Zu einer größeren Deutlichkeit kirchlicher Voten, sollten die geistlich-theologischen Äußerungen des kollegialen Bischofsamtes in der EKHN führen. Also eine Stärkung des Leitenden Geistlichen Amtes, dem Rink selbst angehört.
Reaktionen gab es auch von dem in Bad Sodener EKD-Ratsmitglied Marlehn Thieme. Bildung und Sprache gehörten zu den aktuellen Anfragen an die Kirche. Es gelte die Sehnsucht der Menschen zu suchen, ihre Sehnsucht zur Freiheit als Mensch. Sie sei sicher, dass der Kongress zu einer Beschleunigung des Reformprozesses führen werde. „Es gibt einen gemeinsamen Geist von Wittenberg, der die Kirche trägt“, meinte die Bankdirektorin, die das einzige hessische EKD-Ratsmitglied ist und den Kongress mit vorbereitet hat.
zum Zukunftskongress
Zukunftspapier „Kirche der Freiheit“ (PDF)
Dr. R. Töpelmann