22. September 2006

Deutsche Bank Direktorin und Propst Schütz diskutierten in Mainz über die Zukunft der Evangelischen Kirche

Vom Geist des Aufbruchs

Die Direktorin der Deutschen Bank und der evangelische Propst diskutieren    
Quelle: F. Berg
Vergrößerung Propst Dr. Klaus-Volker Schütz und Marlehn Thieme diskutierten über die Zukunft der Evangelischen Kirche
 

Mainz, 21. September 2006. Auch wenn der Blick an diesem Abend in der Mainzer Christuskirche auf die Jahre 2025 und 2030 gerichtet war, ging es doch um eine uralte Frage: Was soll für die Zukunft der Evangelischen Kirche zentral sein? Konkret: Welche Antworten werden auf eine demographische Entwicklung gefunden, nach der die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) im Jahre 2025 – schriebe man die derzeitige Entwicklung fort – ein Viertel ihrer Mitglieder verliert? Und wie geht die Evangelische Kirche auf Bundesebene mit einer noch dramatischeren Entwicklung um, die für 2030 ein Drittel weniger Mitglieder und ein Rückgang der finanziellen Mittel um 50 Prozent prognostiziert? Diesen Fragen gingen am vergangen Mittwoch [20. September 2006] Marlehn Thieme, Direktorin der Deutschen Bank AG und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sowie Dr. Klaus-Volker Schütz, Propst für Rheinhessen und Mitglied der Steuerungsgruppe Perspektive 2025 der EKHN nach. Unter dem Titel „Quo vadis ecclesia?“ hatte die Evangelische Erwachsenbildung des Dekanats Mainz unter der Leitung von Isa Mann eingeladen. Und das Interessanteste und für einige der Gäste sogar „Faszinierende“ dabei war, dass trotz der erschreckenden Zahlen an diesem Abend viel von Hoffnung und neuen Chancen die Rede war.

Nach einer Begrüßung durch den stellvertretenden Mainzer Dekan, Pfarrer Stephan Müller-Kracht, beschrieb Propst Schütz zunächst den derzeitigen Perspektivprozess der EKHN, der als „Perspektive 2025“ den Versuch unternimmt, „die Gegenwart von der Zukunft her zu begreifen“, wie es Schütz ausdrückte. Die EKHN habe erkannt, dass das über Jahre angewendete Prinzip der „Rasenmäher-Kürzungen“ nicht mehr greife, sondern dass es jetzt darauf ankomme, Prioritäten für die zukünftige Entwicklung zu setzen. Schütz skizzierte den derzeitigen Beratungsprozess, der nach sechs verschiedenen Propsteiveranstaltungen nun drei Szenarien für die Zukunft herausarbeiten wolle, die dann wiederum der Synode vorgelegt werden sollen. „Schon Paulus hat solche Beratungsprozesse mit den Mitteln seiner Zeit initiiert“, sagte der Propst für Rheinhessen. Das Evangelium zu leben und unter die Menschen zu bringen – dieser Auftrag bleibe. Gleichwohl dürfe die Kirche nicht nur Traditionen retten wollen, sondern müsse auch neue Anforderungen aufgreifen. Schnelle Antworten darauf seien fehl am Platze.


„Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zu mehr Wachstum“

Anschaulich präsentierte Marlehn Thieme anschließend die Kernthesen des EKD-Impulspapiers „Kirche der Freiheit“, das der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland im vergangenen Jahr zur Zukunft der Kirche veröffentlicht hatte. Dazu stellte Thieme auch Untersuchungen des demoskopischen Instituts in Allenbach vor. Diese machen die Aktualität des christlichen Glaubens deutlich und einen klaren Zuwachs an religiösen Fragen in der Gesellschaft aus. „Die gesellschaftliche Situation ist daher auch günstig“, sagte Thieme. „Wir müssen mehr Schwerpunkte setzen und beweglicher in den Formen von Gemeinde werden“, so Thieme weiter. Mehr Angebote für Menschen, die die Evangelische Kirche bisher nur an den Wendepunkten ihres Lebens in Anspruch nehmen, sollten entstehen. Insgesamt konstatiert Thieme in der Evangelischen Kirche einen mangelnden Umgang mit Schwachstellen. Unternehmen hätten im Gegenzug schneller lernen müssen, Erfolge zu würdigen und umgekehrt Misserfolge zu identifizieren, sagte die Direktorin der Deutschen Bank. „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel hin zu Wachstum“, sagte Thieme.

Das EKD-Papier skizziert infolge 12 „Leuchtfeuer“ für den Aufbruch. Von Qualitätssicherung und besserer Führungskompetenz der Pfarrerinnen und Pfarrer über „Heimat geben“, angebotsorientierten „Orten der Begegnung“ und „Bildungsarbeit als Bringschuld“ bis zum „Verhältnis zwischen Kirche und Diakonie“ reichen die Thesen. Profilierung benötige auch eine stärkere Einigung auf gemeinsame Themen und Gesichter, von denen die heutige Medienwelt lebe. Marlehn Thieme schloss mit ihrem eigenen Trauspruch, der sich auch im EKD-Papier wiederfinde: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2.Timotheus 1,7)

Die zahlreichen Wortmeldungen während der anschließenden Diskussion zeigten eine große Übereinstimmung mit vielen, im Impulspapier formulierten Thesen und dem positiven Ansatz, dass ein solcher Zukunftsprozess auch etliche Möglichkeiten birgt. „Ich finde es fabelhaft, mit welchem Mut Sie uns hier beeinflusst haben“, sagte eine Kirchenvorsteherin an Marlehn Thieme gewandt. Gleichwohl wurden auch Ängste spürbar. Propst Schütz sagte: „Wir erleben auch Traditionsabbruch und Verlust.“ Hier sehe er sich als Seelsorger in der Pflicht, denn diese Trauerarbeit sei ebenfalls wichtig.

Fabian Berg